In meinem Leben hat Yoga vor 20 Jahren als Ausgleich zum kräftezehrenden Windsurfen in Starkwindbedingungen begonnen. Später war es ein Ausgleich zum vielen jobbedingten Sitzen – am Schreibtisch, in Pressekonferenzen, im Auto, im Flugzeug, im Kaffeehaus. Es ging vorrangig um die Erhaltung meiner körperlichen Geschmeidigkeit und Beweglichkeit und um die Vermeidung von nagenden, quälenden Rückenschmerzen.

Bald hat sich aber herausgestellt, dass es noch eine andere Dimension gab, die mich beim Yoga erfüllte: Ich ging irgendwie immer leichter, beschwingter, zufriedener aus dem Yogastudio als ich hineingegangen war! Ich fühlte mich mehr im Einklang mit der Welt. Ein Gefühl, dass vermutlich alle kennen, die je in mehr als einer Yogastunde waren.

Ich spürte: Diese Leichtigkeit und Zufriedenheit kam nur teilweise von den Asanas, den Körperübungen, die auf so vielen unterschiedlichen Ebenen wirken. Sie breitete sich mit jedem tiefen Atemzug ein bisschen mehr aus. Ich beobachtete und war verblüfft: wie ist das möglich? Dass sich innerer Frieden so verlässlich in so kurzer Zeit einstellt? Und ich erkannte: Das Gefühl, zu schweben und zugleich fest verankert in mir und dieser Welt zu sein, war besonders groß, wenn begnadete Yogalehrer_innen die Schätze der Yogaphilosophie alltagsnah in ihre Stunden einflochten. Und wenn besondere Musik unsere Bewegung begleitete.

Womit wir bei den Stichworten wären. Atmen. Worte. Musik.

Yoga kennt viele Wege zum Glück – und Bhakti Yoga ist einer davon. Bekanntheit erlangte der Yogaweg des Bhakti bei uns durch Bhakti Yoga Festivals, die an mehr und mehr Orten der Welt stattfanden. Bald gab es auch in Wien regelmäßig Kirtans und Bhajans, bei denen gemeinsam Mantras gesungen oder sogar ekstatisch getanzt wurde. Harmonium, Sitar und Tablas waren nicht mehr fremde Instrumente, die man nur in Indien zu hören bekam. Musiker aus unseren Breiten nahmen uralte Mantras auf, gestalteten die Melodien um, machten sie für westliche Ohren leichter zugänglich, verwoben sie mit vielem, was unter die Bezeichnung Weltmusik fällt. Auf einmal verstand auch eine Skeptikerin wie ich, wollte auch ich mitsingen. Und damit war ich offenbar nicht allein:

An Stelle des Fitness-Yoga-Booms der 90er Jahre ist in den 2010ern vielerorts schon das weit spirituellere Bhakti Yoga getreten.

Warum? Ich denke, weil wir es brauchen. Unseren Körpern haben wir in den vergangenen Jahrzehnten Nahrung in Form von Asanas gegeben. Aber auch unsere Herzen brauchen Nahrung, um lebendig und weit offen zu bleiben. Alle Menschen haben die Fähigkeit zu lieben und suchen Liebe und Verbundenheit – zu sich selbst, zu anderen Menschen, in Form von erfüllenden Beziehungen und Partnerschaft, zur Natur, zur Schöpfung, zum Kosmos. Dessen bin ich sicher. Nur scheint dies unser Alltag zu wenig zuzulassen. Als Arbeitnehmer, als Unternehmerin, als Konsument, so scheint es, sollen wir hart sein und unbarmherzig, etwas aushalten, ein dickes Fell haben, und vernunftgeleitet handeln, uns nicht von Mitgefühl „schwächen“ lassen.

Bhakti Yoga bezeichnet einen Weg der Erleuchtung durch Liebe und die Vereinigung durch Liebe. Das Sanskrit-Wort Bhakti kommt von bhaj, was so viel heißt wie „Gott verehren“. Im Westen tun wir uns oft mit einem oder mehreren personifizierten Göttern schwerer, und wir stellen uns eher etwas Göttliches, eine alles zusammenhaltende Kraft oder ein Prinzip vor. Einer der „Stars“ der Kirtan-Szene, und er würde diese Bezeichnung vermutlich selbst nicht gern hören, ist Krishna Das. (Für mich ist er aufgrund seines Aussehens, seines Akzents und seiner Stimme der Bruce Springsteen der Yogis und ich durfte ihn 2017 in Barcelona live erleben.)

„Im Bhakti Yoga“, sagt Krishna Das in bekannt philosophischer Manier, „erleben wir Dinge, die wir noch nicht wissen. Und zwar aus der Intuition und nicht aus dem Geist heraus.“ Er spricht von der Erfahrung „bedingungsloser Liebe“, die wir so in unserem Leben noch nicht kennen würden. Dass wir durch diese Hingabe unser Herz von seinen Fesseln befreien würden. (Nachzuhören hier.)

Snatam Kaur, eine andere US-amerikanische Größe der Szene, beschreibt die Wirkung des Mantra-Singens auf körperlicher Ebene (nachzulesen hier): „Wenn du diese heiligen Mantren chantest, wirkt es wie ein Morse-Code, wenn die Zunge an den Gaumen klopft. Es stimuliert die Meridiane, die mit dem Hypothalamus und der Hypophyse verbunden sind. Das Chanten hat einen physischen Effekt, in dem es unser Drüsensystem stimuliert. Während wir chanten wandert die Energie die Wirbelsäule hoch und regeneriert jedes Chakra, vom ersten bis zum siebten Chakra und dann ins achte Chakra, die Aura. Wenn du also chantest regeneriert das alle Chakren, die mit den 72.000 Nadis (Meridianen) im Körper verbunden sind.

Es ist also ein sehr kraftvolles Konzert, das sich abspielt!“

Vielleicht ist das ein Grund, warum viele von uns über das Hören von Musik, das Singen und Tanzen viel schneller, viel direkter Einheit erleben als wenn wir andere, kopf-lastigere Wege wählen. Du magst dich jetzt fragen: Einheit, na gut – aber mit wem? Schwer zu sagen und dann doch wieder nicht. Es ist ein strahlendes Gefühl der Wärme, ein positives Erleben von Zusammengehörigkeit, das sich beim Singen, beim Worte und Melodien hören, beim Rhythmus spüren, einstellt und immer weiter wächst und keine Begrenzung zu kennen scheint. Das aber auch umso diffuser und unklarer wird, je mehr wir versuchen, es in Worte zu fassen.

Ich fühle mich, wenn ich Krishna Das oder Snatam Kaur lausche oder Mantras in der Gemeinschaft singe, mehr eins mit mir und mehr eins mit den Menschen rund um mich und ich spüre klar, dass ich ein natürlicher Teil der Welt, des Universums bin. Bhakti Yoga überwindet den Anschein von Getrenntheit der Menschen voneinander und die erlebte Abgetrenntheit von der Natur und das in unserer Gesellschaft so präsenten Isolationserfahrungen. Es erzeugt Vertrauen, dass das Universum mir wohlgesonnen ist und ich entspanne mich. Damit entsteht automatisch viel positive Energie in mir und ich empfinde Liebe für die mich umgebenden Menschen – aber auch für Menschen, die ich nicht kenne und die nicht unmittelbar Teil meines Lebens sind.

Weitere Ausdrucksformen der universellen Liebe der Bhakti Yogis sind übrigens Pujas, Opferrituale oder Aratis, Lichtrituale oder die Gestaltung überreich blumengeschmückter Altare. Noch etwas Schönes am Bhakti Yoga ist, dass es Frauen und Angehörige niedriger Kasten in Indien zu Zeiten zugänglich war, als die klassischen spirituellen Yogawege Männern der oberen Kasten vorbehalten waren.

Ein Yoga, das von Beginn an demokratischer und toleranter war – das hat doch was.

Jai Uttal, auch einer der bekannteren Singer-Songwriter, dessen Musik ich gern in meinen Yogastunden verwende, geht so weit zu sagen: „Bhakti ist für mich Kirtan-Singen, Musikmachen genauso wie Verheiratet-Sein und Vater-Sein. Mein kleiner Junge ist ebenso Ausdruck meiner Hingabe wie jedes Mantra.“

Bhakti Yoga als Übung und Erlebnis kann wirklich überall sein: Sobald ich etwas mit Liebe und Aufmerksamkeit mache und jemand mit Liebe und Aufmerksamkeit begegne, und das kann simples Bettenmachen sein, begegne ich mir selbst tiefer. Ich begegne Gott im Sinne einer Kraft oder Energie, die uns alle miteinander verbindet.

Für alle, die das eigene Gesangsvermögen abhält, einmal an einem Kirtan teilzunehmen, hat Jai Uttal übrigens eine wichtige Botschaft:

„Sorg dich nicht, wie deine Stimme klingt – Kirtan bedeutet, dein Herz mit Liebe zu füllen, nicht ein großartiger Sänger zu sein.“

Namastè,

und vielleicht bis bald auf der Matte oder beim Singen!

Eure Claudia

 

TIPP 1 zum Mitmachen: Mantra-Singen mit Christina Rettenwender am Sonntag, 27. Mai 2018, 19:15 Uhr.

TIPP 2 zum Nachlesen: Was sind eigentlich Mantras?