Musikalische Tipps findest du weiter unten!

Mantra ist ein Sanskrit-Wort und bedeutet „das, was auf den Geist wirkt.“ Der Begriff trägt die Wortwurzel „man“ in sich: denken, sich konzentriert mit etwas befassen. Mantras entfalten durch konzentrierte Wiederholen eine mächtige Kraft und können eine bestimmte Qualität manifestieren.

Um an ihre Wirkung zu glauben, muss man noch nicht einmal sehr spirituell sein: Psychologisch betrachtet sind Mantras Affirmationen oder bewusst ausgedrückte Bejahungen dessen, was wir uns herbeiwünschen oder was wir verändern wollen. Die Theorie dahinter: Wir verankern einen Wunsch oder eine herbeigesehnte Eigenschaft durch die hingebungsvolle und achtsame Wiederholung so tief in unserem Bewusstsein, dass unsere Wahrnehmung, unser Denken und folglich unser Handeln davon beeinflusst werden – und wir der Verwirklichung des Gewünschten näherkommen. So wird auch der Satz „Ich bin wertvoll“, wenn er regelmäßig über eine längere Zeit wiederholt wird, zum Mantra und kann in Zeiten nagender Selbstzweifeln hilfreich sein.

Samen säen

Die Verankerung in unserem Bewusstsein kann man sich vorstellen wie ein Samenkorn, das man sät: Man weiß nicht genau, wann es Wurzeln schlägt oder wann es austreibt. Aber irgendwann trägt es Früchte – sofern wir es regelmäßig gegossen haben. Das Tönen bestimmter Silben gehört übrigens zu den Anfängen des Yoga, die viel älter sind als die heute als Yoga bekannten Körperhaltungen. Apropos Samen: Die kürzesten Mantras haben eine Silbe und werden auch Samen-Mantras (Bija-Mantras) genannt. Ein solches ist zum Beispiel „Lam“, dessen Schwingung dem Energiezentrum im Becken, dem Wurzel-Chakra (Muladhara) zugeordnet ist. Einsilbe Mantras eigenen sich gut für Japa Mala – ähnlich einem Rosenkranz hilft dabei die Kette mit 108 Perlen (siehe Bild oben), dein Mantra 108 Mal zu wiederholen, ohne mitzählen zu müssen. Praktisch, oder;-)?

Om oder Aum

Das einfachste und mächtigste Mantra ist das „OM“ (oder A-U-M), das oft am Beginn oder Ende einer Yogaklasse gechantet wird. Om ist jener nicht angeschlagene Ton, der in tiefer Meditation vernommen wird. In der Devanagari-Schrift sieht Om so aus:omEs heißt, seine respektvolle und achtsame Wiederholung verhelfe zu einem allumfassenden Bewusstsein, stelle eine Verbindung zum Göttlichen her und zerstöre körperliche und mentale Hindernisse auf dem Weg zu geistiger Klarheit (Yoga-Sutren 1.27 -1.30).

Das vibrierende Universum.

Die alten Yogis waren der Meinung, das Universum befinde sich in einem Zustand der Schwingung – und Om sei der Urklang der Schöpfung, aus dem der Kosmos gewissermaßen entstanden ist. Die moderne Wissenschaft scheint neuerdings dabei zu sein, altes Yoga-Wissen zu untermauern: Irgendwie hängen wir, hängen die Dinge viel stärker miteinander zusammen, als die Physik bisher annahm. (Liebe Quanten-Physiker_innen, bitte prügelt mich nicht: Ich bin lernender Laie und freue mich über jeden Erklärungsversuch!)

Mantras sind auch Klang.

Klang berührt Menschen, gleich welche Sprache sie sprechen, auf einer non-verbalen Ebene. So kommt es, dass Mantras in Sanskrit oder auch in afrikanischen Sprachen uns bewegen, auch wenn wir den Sinn der Worte nicht verstehen. Tatsächlich spüren wir auch beim Chanten neuer, uns unbekannter Verse, Vibration – in uns, um uns und im Raum. Wir nehmen Klang nicht nur über das Ohr wahr, sondern fühlen seine Energie. Besonders wenn wir selbst (mit-)sprechen oder chanten, fühlen wir Vibration in erstaunlich vielen verschiedenen Körperregionen. Mantras wirken auf mannigfaltige Weise: Wenn wir unsere Stimme einsetzen, aktivieren wir zum Beispiel das fünfte im Kehlbereich lokalisierte Chakra (Vishudda), das für den Ausdruck des Selbst, der eigenen Wahrheit steht. Diese Aktivierung wiederum kann hilfreich bei Ängsten sein, sich zu zeigen bzw. zu sich selbst zu stehen.

„Lokah samasta sukhino bhavantu“

Vielleicht habt ihr dieses Mantra schon einmal gehört. Sharon Gannon, die Mitgründerin von Jivamukti Yoga, übersetzt es so: “May all beings everywhere be happy and free, and may the thoughts, words, and actions of my own life contribute in some way to that happiness and to that freedom for all.“ Das Mantra festigt das Wissen um das Verbundensein aller Lebewesen, die Zusammengehörigkeit allen Lebens im Universum und ruft zu Mitgefühl auf. Am Ende stehen die Silben „antu“, die soviel bedeuten wie „möge es so sein“ – oder noch simpler: „Das verspreche ich.“ Dieses Mantra steht in engem Zusammenhang mit einem ethischen Grundprinzip, das in Patanjalis Yoga-Sutren als Bedingung für das Voranschreiten auf dem Yoga-Weg gilt: Ahimsa, Gewaltlosigkeit im Denken und Tun. Hier könnt ihr das bekannte Mantra hören.

Weitere gebräuchliche Mantras

„So-Ham“ verwenden wir in unseren Yogaklassen gerne für die Atemwahrnehmung und als Vorübung zur Meditation. Es klingt ein bisschen wie das Geräusch unseres Atems und bedeutet: „Ich bin, die/der ich bin“ oder auch „Ich bin Das (Göttliche)“. Das Mantra „Om nahma shivaya“, das auch häufig zu hören ist, wiederum ruft den zerstörerischen und erneuernden Aspekt in Form von Shiva an und beschwört das Wahre in unserem Innersten, das wirkliche Selbst.

Mach’s dir zu Beginn leicht

Keine Sorge: Du musst nicht alles verstehen oder gar gut singen können, um einfache Mantras für deine Meditation zu nützen oder mitzuchanten. Lass dich auch nicht abschrecken, wenn dir etwas einmal nicht gefällt: Das gleiche Mantra kann auf sehr unterschiedlich Weise gechantet werden. Wenn uns Melodien vom indischen Subkontinent manchmal weniger zugänglich sind, tun wir uns mit Versionen westlicher Musiker_innen vielleicht leichter, und finden dort einen ersten Weg, die Kraft eines Mantras für uns selbst fruchtbar zu machen. So sind das Gayatri Mantra sowie Om Asatoma Mantras, die wir gerne in Zeiten der Herausforderungen und der Übergänge im Leben verwenden. Beide sollen helfen wegzuwaschen, was die Erkenntnis trübt: Selbstsucht, Ärger, Zweifel, Erwartungshaltungen oder Furcht.

Vor allem Kirtans, wo ein Sänger/eine Sängerin vorsingen und die Gruppe nachsingt, können sehr verbindend wirken: Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ich durch das Singen auch eine neue Verbindung zu mir finde. Das Zusammenwirken vieler Stimmen und Instrumente wiederum lässt ein verbundenes Ganzes entstehen, das Traurigkeit oder Einsamkeit wie wegbläst! Unser Tipp: Probier‘ unvoreingenommen für dich daheim mit einem der Tipps unten aus, wie sich das Chanten auf deinen Geist auswirkt. Oder trau dich einfach gleich zu einem Kirtan. Das sollte jeder Yogi zumindest einmal erlebt haben. (Und wieder einmal gilt: Yoga ist 1 Prozent Theorie und 99 Prozent Praxis.)

Viel Spaß!!!

Deine Claudia

P.S. Der Pfad des Yoga ist als Leiter zu betrachten, nicht als Selbstzweck. Am Ende der Leiter steht der Mensch, der die Leiter nicht mehr braucht, der frei von Dogmen oder Theorien ist. Auch wenn die Sanskrit-Namen hinduistischer Gottheiten beim Mantrasingen verwendet werden: Diese Gottheiten verstehen sich als Aspekte des Göttlichen oder auch der Menschenwürde in dir. Weder hindert dich ein christlicher Glaube oder eine andere Religion, Yoga zu praktizieren – noch unterwirfst du dich einer Religion, wenn du dich auf den Yoga-Weg machst 😉

Ein paar musikalische Tipps:

Kevin James: Asatoma

Om Asato ma Satgamaya – Tamaso ma Jyotir gamaya – Mrityor ma‘mritam gamaya

(Führe mich von der Unwirklichkeit zur Wirklichkeit. Führe mich aus der Dunkelheit ins Licht. Führe mich vom Tod zur Unsterblichkeit.)

Deva Premal & Miten: Gayatri Mantra

Om Bhur Bhuvah Svaha – Tat Savitur Varenyam – Bhargo Divasya Dhimahi – Dhiyo Yo Nah Prachodayat

(Om – Wir meditieren über den Glanz der anbetungswürdigen höchsten göttlichen Wirklichkeit, der Quelle alles Seins, der physischen (grob-irdischen), astralen (feinere-ätherischen) und der feinsten, himmlischen Ebene. Möge das höchste Göttliche Wesen unseren Geist erleuchten und unser Unterscheidungsvermögen erwecken, damit wir die absolute Wahrheit erfahren.)

Tina Turner: Om Sarvesham Svastir Bhavatu Sarvesham

Sarvesham Shantir Bhavatu – Sarvesham Purnam Bhavatu – Sarvesham Mangalam Bhavatu

(Om – Wohlergehen sei mit allen. Friede sei mit allen. Fülle sei mit allen. Reichtum sei mit allen.)

Kavita Pippon: Jaya Ma

Jaya Ma Jaya Ma – Durga Ma – Durga Ma

(Ich ehre die göttliche Mutter des Ursprungs, Durga.)

Snatam Kaur: Long time sun

May The Long Time Sun Shine Upon You
And All Love Surround You
And The Pure Light Within You
Guide Your Way On

(Lass die ewige Sonne auf dich scheinen
Liebe dich umhüllen
und das reine Licht in deinem Innern
dir den Weg weisen.)