Wir wissen, dass nicht alles ist, wie es scheint: Dass eine sehr sicher auftretende Frau im Inneren sehr unsicher sein kann. Dass ein nachlässig gekleideter Mann Millionär sein kann. Oder dass ein Mensch, der sorgenfrei und beinahe oberflächlich wirkt, großes Leid erfahren haben kann und umso mehr um Leichtigkeit bemüht ist.

Und wer kennt sie nicht, die Situationen, deren Bedeutung sich oft viel später erschließt? Ereignisse oder Begegnungen, die wir dachten klar einordnen oder beurteilen zu können: Doch Wochen, Monate oder Jahre später stellt sich heraus, wie falsch wir lagen!

Obwohl wir also grundsätzlich wissen, dass Sein und Schein zwei Paar Schuhe sind, ist es in der Praxis oft schwierig, zwischen wahr und nicht wahr zu unterscheiden. Der Weg des Yoga lehrt uns viveka – die Kraft zu unterscheiden, zwischen dem was wahr ist und dem was wahr zu sein scheint. Den Schleier zu lüften und klar zu sehen. Einmal mit Yoga auf den Weg gemacht, erleben wir immer öfter Momente von Vidya; Augenblicke der Klarheit, in denen es uns möglich wird, die Wahrheit zu erkennen.

Tatsächlich stellt Yoga, das aus Jahrhunderten der Beobachtung, Übung und Erfahrung entstanden ist, das vielleicht effektivste System der Selbsthilfe dar, das je entwickelt wurde. Yoga hilft, im Leben zurecht zu kommen. Yoga hat die Kraft zu verändern und Leid zu verringern. Das ist wahr. Unwahr ist, was Tausende von Fotos in sozialen Medien und eine Flut von Medienberichten suggerieren: Yoga ist Instant-Glück. Einfach hergestellt.

Einfach hergestellt ist vielleicht der typische Yoga-Hintern.

Für den Yoga-Körper, heute Sinnbild des modernen leistungsbereiten Menschen (produktiver Geist in gesundem, produktiven Körper), brauchst du tatsächlich nur dein regelmäßiges Asana-Workout. Echte Veränderung aber braucht zwei Dinge: Einen guten Lehrer und noch wichtiger, deine Bereitschaft, dich auf einen langen Weg zu machen und dich zu verändern.

Wer sich mit Yoga auseinandersetzt, ist eigentlich immer mit irgendetwas unzufrieden und auf der Suche. Dabei ist es erstmal nicht so wichtig, was man sucht (das kann auch einfach ein kräftigerer Körper, eine neue trendige Sportart oder eine widerstandsfähigere Psyche sein), sondern dass man eine Leere oder ein Fehlen von etwas bemerkt, von dem man denkt, das man es zum Glücklichsein braucht.

Interessant ist hier, dass die Suche nach Glück und Zufriedenheit im Außen dich vielleicht zum Yoga bringt oder gebracht hat – du aber bei regelmäßiger Praxis irgendwann bemerkst:

Es ist nicht so, dass Yoga das Heil der Welt oder deines Lebens erzeugt.

Es ist vielmehr so, dass das konsequente Üben von Yoga dich irgendwann zwangsläufig erkennen lässt, dass dein Heil, deine Heilung in dir entsteht. Nein, noch mehr: Dass dein Glück immer schon da war.

In dir, wie ein Samenkorn, liegt der Schlüssel zu allem.

Du erkennst oder spürst also irgendwann instinktiv, dass du nicht rastlos dein Glück in der Welt da draußen suchen musst, sondern dass du vielmehr dessen Schmied bist. Das heißt nicht, es ist egal, was rund um dich passiert. Ganz und gar nicht!  Es heißt zum Beispiel, dass du die Dinge tust, die nötig sind, um all das in dein Leben zu holen, das du dort haben möchtest. Oder anders ausgedrückt: Verantwortung übernimmst für dein Leben.

Was aber hat das mit viveka zu tun?

Unser Geist, so die Yoga-Lehre, tendiert dazu, Wahrheit und Illusion zu verwechseln, weil sie einander ähneln: Glück mit Reichtum, Weisheit mit Wissen, Freiheit mit Gewohnheit, das Wesen der Dinge mit deren Form und so weiter. Diese Verwechslung von Sein und Schein führt demnach zu Leid.

Das Erkennen des Wirklichen/Wahren, das verschleiert ist durch gesellschaftliche Konventionen und individuelle Denkmuster und Gewohnheiten, hingegen führt zu Freude und Glück. Viveka ist also die wunderbare Fähigkeit, zwischen Dingen zu unterscheiden, die ähnlich wirken.

Durch den Schleier hindurchzublicken.

Ein gutes Beispiel: Bei physischem Schmerz oder psychischem Leid tendieren wir dazu, etwas zu verwechseln und uns mit dem Zustand, in dem wir uns befinden, zu identifizieren: „Ich leide.“ Wohingegen viveka bedeutet, sich klar zu sein, dass Schmerz eine Empfindung und Emotionen eben Gefühle sind, die in mir wirken. Ich bin aber nicht diese Empfindung oder jenes Gefühl. Ich bin das unveränderte Selbst, während meine Empfindungen und Gefühle Zustände sind, die im weitesten Sinne vergänglich sind. Diese Unterscheidung ermöglicht in der Praxis eine mentale Distanz von dem, was gerade passiert und lässt das Empfinden von Vertrauen, Zufriedenheit oder Glück auch neben dem Wirken von Schmerz und Leid zu.

Alte Wahrnehmungsmuster über Bord werfen.

Nach Patanjali, der mit dem Yoga Sutra einen grundlegenden Text des Yoga geschrieben hat, verwirklichen wir die Gabe der Unterscheidungskraft durch die ausdauernde und regelmäßige Übung der acht Glieder des Yogawegs. Zu diesen gehören Asanas (Yogahaltungen) ebenso wie Pranayama (Atemübungen), Meditation oder ethische Grundsätze. Wenn wir uns auf den Yogaweg machen, arbeiten wir daran, die alten, sprich gewohnten und oftmals ineffizienten Wahrnehmungsmuster über Bord zu werfen.

Asana-Akrobatinnen „plus“

Das heißt nicht, wir dürfen als „echte Yogi_nis“ im Yoga keine herausfordernden Asanas auf der Matte mehr lieben oder dass es verwerflich wäre, den eigenen Körper in eine Form bringen, in der er stark und beweglich und im Energiefluss ist! Wenn unsere Lehrer_innen die Philosophie und Psychologie des Yoga aber nicht kennen oder zumindest vage mit den Grundprinzipien vertraut sind, dann werden wir vielleicht super-bewegliche Asana-Akrobatinnen – aber aus dem wunderbaren Impuls, sich auf die Suche zu machen, entsteht nicht Veränderung, sondern bloß neue Wege, gleich zu bleiben.

Ich wünsche euch happy transformation und Vertrauen in euch selbst und das Universum!

In Dankbarkeit an alle Yogalehrer_innen, die mich auf dem Weg des Yoga begleitet haben und begleiten,

Eure Claudia