Lieber Yogi, liebe Yogini,

2016 hat mir große Herausforderungen gebracht: Das unerwartete Ende einer langjährigen und innigen Partnerschaft und jetzt auch noch eine recht langwierige Verletzung. (Keine Sorge, mir wurde – wo Schatten, da Licht – auch viel Neues und Schönes geschenkt.) Seit meinem Surf-Unfall sind mir ein paar Gedanken gekommen, die zu teilen ich mich entschlossen habe, weil sie nicht nur für mich gerade jetzt wieder so viel Bedeutung bekommen haben.

Wenn du ins Yoga kommst, dann suchst du oft Befreiung, Entlastung, Abstand.

Befreiung bedeutet aber nicht, dass etwas plötzlich verschwindet, nur weil du es dir sehnlichst wegwünscht (und quasi im Tausch bereit bist, dafür auch einmal die Woche oder öfter auf der Matte zu stehen oder zu meditieren ;-). Frei sein von etwas bedeutet vielmehr, es zu akzeptieren und zu integrieren. Es nicht mehr als unlösbares Problem bzw. als inakzeptable Situation zu sehen. Sondern einverstanden zu sein mit dem, was gerade ist. Und erst von dort kann sich Veränderung im Sinne von Heilung und Ganzwerdung ergeben.

Was heißt das für mich gerade jetzt? Meine Verletzung ist. Sie ist da und sie ist wahr (erinnere dich an a/vidya und sattya). Ich kann sie nicht leugnen und ich muss damit umgehen. Eine mögliche und naheliegende Reaktion wäre, nach Schuldigen zu suchen oder mich immer wieder anklagend zu fragen, warum passiert das mir und warum gerade jetzt? Frust, Ärger und Nicht-Akzeptieren-Können haben aber leider eines gemeinsam: Sie führen schnurstracks ins Leid.

Eine andere mögliche Reaktion ist: Ich nehme den Schmerz an und akzeptiere alle Einschränkungen und Herausforderungen, die damit verbunden sind.

Und dann frage ich mich: Was will mir diese und jene Situation, in diesem Fall meine Verletzung, sagen? Welche Merkmale kann ich erkennen? Besteht hier ein Samskara, ein Muster, an dem ich arbeiten kann? War mein Ego involviert, war ich – wenn ich ganz wahrhaftig und ehrlich bin zu mir – überfordert? Und wenn ja: Was kann ich daraus lernen? Dieser andere mögliche Weg führt zum Lernen, Wachsen und gibt dem, was gerade geschieht, eine positive Bedeutung. Er führt ins Licht.

Ich lerne, die Fallstricke zu sehen, die in Situationen führen, die mich überfordern – und steige künftig immer öfter aktiv aus. Ich lerne geduldig zu sein und der Heilung meines linken Fußes Zeit und Platz zu geben. Ich lerne, um Hilfe zu bitten, wenn ich sie brauche, und Hilfe anzunehmen, wenn sie mir angeboten wird. Und weil ich mit Krücken nichts herumtragen kann: Ich lerne, sorgfältiger zu planen, was ich wann und wo brauchen werde.

Das Wunderbare ist: Wer hinfällt, darf lernen und stärker wieder aufstehen. Wie der Lotus den Schlamm braucht, um ans Licht zu wachsen, sind die Momente der Unruhe, der Verletzlichkeit,  jene, die du brauchst, um dich persönlich und spirituell weiterzuentwickeln. Yoga hilft mir dabei, besser hinzusehen. Es hält mir auf und fern der Matte täglich den Spiegel vor und hilft mir beim Lernen: Wie gehe ich mit Stress um? Mit Schmerz? Mit schwierigen Situationen? Und meine Yoga-Praxis erinnert mich jedes Mal, wenn ich mir Zeit für sie nehme, dass alles gut wird. Nein, dass es schon gut ist.

Bedenke: Eine unangenehme Situation lässt sich oft nicht (oder zumindest nicht gleich!) ändern. Aber deine Reaktion darauf hast du immer in der Hand. Und da liegt der Schlüssel zur Befreiung.

Om shanti & ride on

Deine Claudia