Dankbar für die kleinen Dinge im Leben sein und für alles, was selbstverständlich erscheint? Eine nicht immer ganz leichte Übung, zugegeben. Aber eine, die zu versuchen sich immer wieder aufs Neue lohnt. Immer wenn der Neid, die Sorge, die Trauer, die Angst mich erwischen, gibt es nichts Wirksameres, als meine innere Liste der Dinge, für die ich dankbar bin, zu erneuern. Schon taucht die Sonne hinter den Regenwolken wieder auf. Die trüben Dinge relativieren sich und es findet sich ein bisschen Zuversicht.

Die Frage „Was steht mir zu? Worauf habe ich ein Recht? Wofür muss ich dankbar sein?“ beschäftigt derzeit viele Menschen – auch angesichts der Flüchtlingsdramen, die sich in und um Europa abspielen. Haben wir mehr Recht auf ein glückliches oder zumindest materiell sorgenfreies Leben, als die Menschen aus Syrien und aus Afghanistan oder Eritrea? Müssen wir uns schämen, wenn es uns gut geht? Darf es uns mal schlecht gehen, obwohl wir weder hungern noch flüchten mussten? Muss ich jede freie Stunde irgendwo freiwillig helfen, wenn ich nicht in existenzieller Not bin? Weil ich es um so viel besser getroffen habe, als die vielen Flüchtlinge, die die Kriege der Welt und triste Aussichten in der Heimat gegenwärtig an unsere Bahnhöfe spülen?

Natürlich kann diese Fragen jede(r) nur für sich selbst beantworten. Aber es gibt Eckpunkte aus der Yogaphilosophie, die bei der Beantwortung helfen.

Die Yamas (Umgang mit der Umwelt) und Niyamas (Umgang mit sich selbst), die Patanjali in seinen Yogasutren darstellt, sind keine zehn Gebote, die es starr zu befolgen gibt und sie handeln nicht von richtig und falsch. Vielmehr geben sie Hinweise, wie Frieden in uns zu finden und um uns zu schaffen ist, indem sie uns den Weg in die persönliche Freiheit zeigen. Freiheit von ich-zentrierten und oft eingeschränkten Wahrnehmungen, irrigen Vorstellungen und einmal gemachten Erfahrungen, in Folge derer wir uns bestimmte Verhaltensmuster angeeignet haben, die vielleicht gar nicht immer dienlich sind.

Sie sind also gute ethische Wegweiser zu emotionaler und mentaler Gesundheit und einem sinnerfüllten, erfüllenden Leben.

Ein paar Beispiele, die mir zum Thema Flüchtlingskrise einfallen: Ahimsa oder das Prinzip des „Nicht-Verletzens“ oder „Nicht-Destruktiv-Seins“: Wenn ich einen aus welchen Gründen auch immer geflüchteten Menschen antreffe, müde von einer langen Reise, vielleicht traumatisiert, jedenfalls in einer verletzlichen Position, dann werde ich ihn nicht treten und bespucken. Ich werde ihn nicht körperlich oder seelisch verletzen. Das ist Ahimsa ganz direkt. Weiter gedacht, ist Ahimsa vielleicht auch: mich dafür einsetzen, keine Waffen in kriegsführende Gebiete zu liefern oder auch keine Politik unterstützen, die Menschen gegeneinander hetzt oder eine Gruppe von Menschen abwertet. Die Entscheidung bleibt bei mir, wie weit ich Ahimsa interpretiere und wie weit mein Handeln (oder Unterlassen) reicht.

Asteya, Nicht-Stehlen: Ich werde dem Menschen, der eine andere Sprache spricht oder eine andere Hautfarbe oder eine andere Religion hat, nicht seinen letzten Apfel stehlen. Klar. Weiter gedacht, geht es bei Asteya aber vielleicht auch um die Förderung von fairen Handelsbedingungen, damit die Menschen in einem anderen Land von ihren Rohstoffen und von der Arbeit ihrer Hände leben können. Asteya meint auch: Ich raube niemand übermäßig Energie, ohne im Gegenzug etwas zurückzugeben, damit alles in Balance bleibt. Zurück zur Frage des freiwilligen Engagements heißt das auch: Wenn ich für mich entscheide, drei Stunden Hilfe leisten zu können, aber nicht drei Tage die Woche, dann ist das in Ordnung. Denn auch mein Gegenüber muss respektieren, dass ich nicht mehr Energie geben kann, ohne aus der Balance zu geraten.

Aparigraha, Nicht-Anhaften, -Horten: Viele Menschen träumen vom einfachen Leben und meinen es zu führen, wenn sie vom Audi A6 auf ein Mini Cabrio umsteigen. Ein wirklich einfaches, relativ bedürfnisloses Leben zu führen, fällt vielen von uns – aufgewachsen in der Konsumgesellschaft – jedoch schwer. Aparigraha bedeutet mindestens, sein Wollen nicht zügellos werden zu lassen und nicht zu glauben, alles haben zu müssen. (Oder noch extremer: zu glauben, dass einem alles zusteht.) Folglich heißt es auch, etwas, das man hat, loslassen zu können, wenn nötig. Sich nicht damit zu identifizieren. Ich bin nicht mein Auto, mein Haus, mein Handy, meine Kleidung. Ich bin auch noch, wenn es diese Dinge rund um mich nicht mehr gibt! Für die oben gestellten Fragen heißt das dann sicher: Meine Flasche Wasser der durstigen Frau aus dem Irak zu geben. Darüber hinaus meint Aparigraha vielleicht auch, Bereitschaft zu zeigen, den eigenen Wohlstand zu teilen und den eigenen Lebensstandard nicht als ein Vorrecht ansehen, das wir – wenn nötig – mit Waffen verteidigen müssen.

Alles, was ich habe und besitze, als Leihgabe des Lebens zu betrachten, ist ein guter Anfang.

Das Konzept von Santosha schließt daran gleich an: Innere Zufriedenheit nicht von äußeren Bedingungen abhängig machen. Zufrieden sein mit dem, was man im Moment hat. Mit dem Leben, das man gegenwärtig führt und nicht auf das Eintreten des erträumten, perfekten Lebens zu warten oder es gar für ein Recht halten, dass einen andere Menschen oder Lebensumstände glücklich machen müssen. Das bedeutet nicht, dass man keine Ziele oder Träume haben darf!

Tapas, das innere Feuer: mit Hingebung zu üben und zu tun. Mit Selbst-Disziplin könnte man Tapas auch übersetzen. Aber es handelt sich dabei um das mit Lust erfüllte Tun. Tapas ist nicht lustlos, sondern bewusstes, achtsames Tun. Ich entscheide mich also immer wieder neu, das, was ich tue, gern und gewissenhaft zu tun. Wiederum auf meine Fragen von oben bezogen: Wenn ich mich freiwillig engagiere, dann hilft es vielleicht, mir immer wieder in Erinnerung zu rufen, dies nicht als lästige Pflicht zu betrachten. Mit Lust an die Sache zu heranzugehen und nicht weil mein schlechtes Gewissen es mir befiehlt. Daraus folgt: wenn ich helfe, weil es von mir erwartet wird oder auch weil ich beweisen will, welch guter Mensch ich bin, hat das mit Tapas wenig zu tun. Da wäre Svadhyaya angebracht: Selbstreflexion. Warum tue ich was? Woher kommt ein Denk- oder Verhaltenmuster?

Ishvara Pranidhana letztlich bedeutet, meine eigenen Grenzen zu erkennen. Wissen, dass ich weder die Welt retten kann noch alles was geschieht, in meiner Verantwortung liegt. Das Wissen um diese Begrenztheit verlangt eine Art Vertrauen in eine höhere Macht. (Ob diese Macht göttlich ist, bleibt mir überlassen. Yoga ist Philosophie und keine Religion.) Gleichzeitig entlastet mich dieses Wissen. Um eine der eingangs gestellten Fragen zu beantworten: Ich muss mich nicht jeden Tag dafür schämen, dass es mir gut geht, während ein Kind in Eritrea verhungert.

Dankbarkeit (engl. gratitude, ˈɡratɪtjuːd) kommt letztlich von Demut.

Bei der konkreten Hilfe für Menschen in Notsituationen wird sich – womöglich neben anderen Gefühlen wie Ohnmacht, Ärger und Frust – auch Dankbarkeit einstellen. Zu sehen, wie wenig Kontrolle wir Menschen über eigentlich über unseren Lebensweg haben, lehrt Demut. Anstatt fixe Erwartungen zu haben und zu meinen, man hätte ein Recht auf Erfüllung dieser Erwartungen, lasst uns das Leben nehmen, wie es kommt und wie Kinder staunen. Die guten Momente schätzen und auskosten und die schlechten hinnehmen und im besten Fall etwas daraus lernen.

Om shanti.