Die Zeit der Schwangerschaft ist eine Zeit großer Veränderungen: nicht nur im Körper, sondern auch im Geiste. „Werde ich mit dieser neuen Verantwortung fertigwerden? Was gibt es zu berücksichtigen? Wird sich mein Leben für immer verändern?“ Diese und andere Fragen stellen sich viele werdende Mütter und finden sich dabei oft in einem Wechselbad der Gefühle wieder: Zweifel, Vorfreude und nicht selten Angst vermischen sich zu einem (scheinbar) unentwirrbaren Gefühlschaos. Die Hormone und der sich verändernde Körper tun dazu ihr Übriges. Warum sich Yoga gerade in diesen neun Monaten vor der Geburt als überaus wertvoller Begleiter erweist, davon weiß Chrissie zur Zeit höchst persönlich zu berichten.

Unser Yoga für Schwangere in Neusiedl findet immer Mittwoch, 17.15-18:30 Uhr, statt. Wenn du Interesse hast, melde dich bei uns!

Achtung, Baby on Board!

Als ich vor etwas mehr als sieben Monaten schwanger wurde, war ich mir dessen fast sofort bewusst. Meine Brüste spannten und schwollen an, ein leichtes Ziehen im Unterleib machte sich bemerkbar und ich war leichter reizbar als sonst. Von einem medizinischen Standpunkt aus mag es vielleicht tatsächlich unmöglich sein, sich so bald nach der Empfängnis der Schwangerschaft sicher zu sein. Aber nach jahrelanger Yoga-Praxis ist es nicht ungewöhnlich, ein so intensives Körpergefühl und Bewusstsein für emotionale Veränderungen zu entwickeln, dass sich eine derartige Intuition oft als richtig entpuppt. So auch in meinem Fall.

Als die frohe Botschaft auch von meinem Gynäkologen bestätigt wurde, ging ich in den ersten Wochen wie auf Wolken. Ein neuer, aufregender Lebensabschnitt lag vor mir, und ich fühlte mich bestens gewappnet. Bis die berühmt-berüchtigte Morgenübelkeit um die 6. Schwangerschaftswoche auch bei mir an die Haustür klopfte. Das alles wäre halb so schlimm, wenn es sich doch tatsächlich nur um morgendliches Schlechtsein handeln würde – wie aber viele (werdende) Mütter nur zu gut wissen, ist es sehr oft ein den ganzen Tag (und Nacht) anhaltendes Phänomen.

Meine ganze Welt war plötzlich auf den Kopf gestellt: Ich übergab mich mehrmals täglich, mein Geruchssinn war ausgeprägt wie der eines Dobermanns (und lehnte alle sonst als appetitsanregend empfundenen Gerüche vehement ab), und meine körperliche Erschöpfung raubte mir jegliche Energie. Am Schlimmsten jedoch war für mich, meine täglichen ein bis zwei Stunden Yoga nicht so ausführen zu können, wie ich es gewohnt war. Die Zeit vor meiner Schwangerschaft ging ich gerade durch eine Phase, in der sich mein Körper und Geist nach körperlich sehr anspruchsvollen Yoga-Einheiten sehnten und ich diesem Wunsch in Form von rigorosen Vinyasa-, aber auch Ashtanga-Praxen entsprach. Mit diesen Arten von Yoga gehen normalerweise unzählige Sonnengrüße sowie Umkehrhaltungen (Handstand, Kopfstand, etc.) oder Arm-Balancen einher. Damit war  nun ganz eindeutig Schluss. Wann immer ich mich vorwärts beugte, konnte ich den Brechreiz gerade noch rechtzeitig unterdrücken, und es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass ein Handstand nicht gerade förderlich ist für den Versuch, Essen (oder auch nur Flüssigkeiten) „unten“ zu behalten, wenn sich der Kopf unterhalb des Magens befindet.

Yoga lehrt einen, auf seinen Körper zu hören und nichts zu erzwingen, was nun einmal nicht sein soll. Yoga ist ein ständiger Balanceakt zwischen „effort“ (Anstrengung) und „surrender“ (Akzeptanz, Hinnahme bestimmter Gegebenheiten): Für mich war es nun an der Zeit, mich in ganz neuer Art und Weise mit letzterem Konzept anzufreunden. Was für mich all die Jahre in meiner Yoga-Praxis als selbstverständlich galt – selbst in Zeiten, in denen ich verletzt war oder sanftere Stile vorzog – war vorerst nicht mehr möglich: Ein einfacher herabschauender Hund oder sogar sitzende Vorwärtsbeugen verschlimmerten meine Übelkeit jedes Mal. Bewegung generell schien auf einmal nicht mehr das Allheilmittel gegen jegliches Zwicken und Zwacken, sondern bedeutete nur Anstrengung, die meinen andauernden Erschöpfungszustand verstärkte. Pranayama (Atemübungen) war nun ebenfalls lediglich ein Aggressor meiner Übelkeit. Der tägliche Weg auf die Matte erschien unmöglich, und ich machte mir selbst Vorwürfe, keine gute Yogini zu sein, wenn ich nicht trotz widriger Umstände eine passende Yoga-Sequenz für mich und mein Ungeborenes finden könnte. Doch mit der Zeit dämmerte es mir, dass Yoga nicht immer nur auf der Matte stattfinden muss. Tatsächlich ist es ein wichtiger Teil der Yoga-Lehre, erkennen zu können, wann man loslassen muss. Für mich persönlich bedeutete das nun, ein paar Gänge runterzuschalten und mich daran zu gewöhnen, mit der Übelkeit zu leben. Mir war klar, dass sie jederzeit ein Ende finden, aber auch ganze 9 Monate anhalten könnte. Meine Aufgabe bestand nun einzig und allein darin, vor meinem Unwohlsein nicht davonzulaufen und es ständig und mit allen Mitteln bekämpfen zu wollen, sondern es als Wegbegleiter auf unbestimmte Zeit zu akzeptieren, ja, sogar es als Lehrmeister zu betrachten. Darin bestand mein Yoga.

„The greatest preparation that can be made for the birth of a child is to allow for the constant arising of birth in one’s self. And this arising can take place only in a space that is clear and free of all expectations.“

(Maria Rosenstone, in Frederick Leboyer’s „Inner Beauty, inner light: Yoga for pregnant women.“)

Nach etwa drei bis vier Monaten löste sich mein innerer Widerstand zusehends, und meine neue Geisteshaltung schien sich tatsächlich bezahlt zu machen. Langsam konnte ich trotz anhaltender Übelkeit kontinuierlich mein Bewegungsrepertoire erweitern: Neben immer ausgedehnteren Spaziergängen fand ich auch wieder Gefallen am Radfahren und schließlich sogar am Surfen in klitzekleinen Wellen (allerdings nur während des 5. Monats; danach wurde der Druck auf den Bauch zu unangenehm). Was mein Yoga auf der Matte betraf, so entdeckte ich ganz neue Spielarten, die mir guttaten und neue Horizonte eröffneten. Wieder einmal lehrte mich Yoga, dass man nie ausgelernt hat und dass die Reise zu sich selbst einen flexiblen Geist erfordert. Und nicht nur das: Auch die Transformation in die Mutterrolle verlangt nach Flexibilität und kultivierter Intuition, da sie eine Reise ins Unbekannte ist – auf körperlicher sowie seelischer Ebene.

Eine der großen Veränderungen während der Schwangerschaft ist sicherlich, nun nicht mehr nur für sich selbst verantwortlich zu sein, sondern auch für ein anderes Lebewesen. Das sollte sich auch auf der Yoga-Matte widerspiegeln. Ich begann daher jede Yoga-Session mit einer Meditation, in der ich im Geiste den Vorsatz wiederholte, während der Übungen stets das Wohlbefinden meines süßen Bauchbewohners vorn an zu stellen. Das mache ich auch jetzt noch. Je weiter die Schwangerschaft voran schreitet, desto wichtiger ist es nämlich, gewisse Modifikationen vorzunehmen. Grundregeln, die ich jeder werdenden Mutter von Anfang an ans Herz legen würde, sind folgende:

  • Achtet verstärkt darauf, Platz für das Baby zu schaffen: Das hat sowohl Vorteile für das eigene Wohlbefinden als auch für das des Babys. Versucht daher in allen Positionen Länge zwischen den Rippen und dem Bauch zu schaffen.
  • Versucht vermehrt, Squats (Hocke), Hüftöffner und Beckenübungen einzubauen.
  • Stellt eure Füße immer mindestens hüftbreit, um für mehr Platz in der Bauchregion und auch mehr Stabilität zu sorgen.
  • Meidet intensive Rückbeugen! Diese überdehnen die ohnehin schon überstreckte Vorderseite des Oberkörpers.
  • Meidet Positionen, die eure Bauchmuskeln zu sehr beanspruchen und sie dadurch zusammenpressen.
  • Meidet Twists, also Verdrehungen, bei denen der Nabel von der zentralen Körperachse wegrotiert und damit die Gebärmutter mitverdreht.
  • Bleibt in keiner Yogaposition zu lange, da statische Übungen den Blutfluss unterbinden. Wählt eher flüssige Bewegungsabläufe oder ein Rein-und-Raus aus der Pose im Einklang mit dem Atem.
  • „Überstretcht“ nicht! Durch Hormone wie Progesteron und Relaxin, welche das Gewebe im Körper der werdenden Mutter lockern, kann der Eindruck von falscher Flexibilität entstehen. Hier kann man sich leicht eine Zerrung holen!
  • Props, props, props! Sollte sich irgendetwas nicht richtig anfühlen, greift auf Yogablöcke, -decken,- und -polster zurück. Auch Sessel und die gute alte Wand sind hilfreiche Stützen.

Ganz allgemein kann ich aus persönlicher Erfahrung erzählen, dass mir mit fortschreitender Schwangerschaft flüssige Bewegungsabläufe am besten gefallen. „Flüssig“ scheint hier nicht nur im übertragenen Sinn eine gewisse neue Bedeutung zu haben: Während meine Körperflüssigkeiten (Blut, Plazenta und Wassereinlagerungen) stetig an Volumen zunehmen, wollen diese allem Anschein nach auch gerne zirkuliert werden. Hüftkreisen, spinales Rollen, schaukelnde oder tanzartige Bewegungen im Einklang mit dem Atem finden immer mehr Beachtung in meiner derzeitigen Yoga-Praxis. Vielleicht ist es aber auch nur das Baby, das schon jetzt in seiner kleinen Blase aus Flüssigkeit gerne geschaukelt wird!

Abschließend bleibt mir vorerst nur zu sagen, dass sich in dieser neuen Lebensphase Yoga wieder einmal als treuer – und weiser – Wegbegleiter erwiesen hat. Yoga bietet aber nicht nur neue Erkenntnisse und Lebensweisheiten für bereits eingefleischte Yoginis – Schwangerschaftsyoga bietet sich gerade auch für absolute Neueinsteigerinnen an! Unter der Führung einer erfahrenen Lehrerin kann man das Werkzeug für den Umgang mit allen möglichen körperlichen Schwangerschaftsleiden (Schwindel, Atemlosigkeit, Rückenschmerzen, Beckenbodenproblem, Zirkulationsprobleme, Verstopfung, etc.) sowie für den Umgang mit Ängsten, Zweifel und gesteigerter emotionaler Verletzlichkeit erwerben. Auch die erlernten Atemtechniken können großartige Verbündete werden, vor allem während der Geburt.

Versprechen kann ich auf jeden Fall, dass Yoga während der Schwangerschaft euer Bewusstsein stärkt, was in eurem Körper und in eurer Seele vor sich geht – und wie ihr eine stärkere Verbindung schafft zu dem Leben, das in euch heranwächst.

Eure Chrissie